Von meinem Schreibtisch: »Überrannt« gefällt bisher

Zumindest meiner Testleserin und ersten Korrekteuse Sandra.

Sie hat das zweifelhafte Vergnügen meine schriftlich-geistigen Ergüsse Häppchenweise zu lesen und zu korrigieren. Das ist natürlich nicht die ideale Lösung, da sie oft Textpassagen bekommt, die mitten in der Szene aufhören oder selbst wenn sie an einem Absatz oder Kapitel enden, dazu neigen, in einen bösen Cliffhanger überzugehen.

Das ist gemein. Ich weiß. Und gerade deswegen danke ich Sandra so sehr, dass sie diese Tortur auf sich nimmt. Statt mich für meine Gemeinheit zu bestrafen, belohnt sie mich sogar noch, indem sie MEHR fordert.

Bisher fielen als Lob Worte wie „Der Hammer“, „Cooool“, „echt spannend“, „Hab Ariane gerade ins Herz geschlossen.“

Meine Güte, was will ich da noch mehr?

Und ihr bekommt auch etwas. Nämlich einen kleinen Arbeitsabschnitt, noch unkorrigiert. Viel Spaß!

 Das Öffnen der Fahrertür ließ Ariane zusammenzucken. Ella machte Anstalten auszusteigen.

„Wohin …?“

„Der Skipper kommt zurück.“

Ariane sah den Mann in seinem Ölmantel den Anlegesteg herauf humpeln. Er zog das linke Bein nach. Hinter ihm schüttelte ein Mann an der Anlegestelle den Kopf und scheuchte mit einer Handbewegung eine Frau ins Haus zurück.

Ella rief etwas auf Schwedisch.

Anscheinend war der alte Skipper auch ihr gegenüber nicht gesprächiger. Er antwortete in der Ariane gewohnten Weise.

„Hm.“

„Was hat er gesagt?“ Ariane biss sich auf die Zunge. Wie doof von mir.

Ella sah sie an, als zweifele sie an ihrem Verstand. Sie wiederholte die Frage, diesmal auf Englisch.

„Gibt es Probleme?“

Der alte Mann erreichte den Bootsrand und deutete mit dem Daumen nach hinten. „Sie wollen uns nicht. Die Anlegestelle wäre wegen der Epidemiewarnung in Luleå gesperrt und müsse für Rettungskräfte freigehalten werden. Wir fahren weiter nach Norden. In Råneå gibt es noch eine Möglichkeit, anzulegen. Von dort gelangt ihr genauso auf die Autobahn.“

Ella runzelte fragend die Stirn.

„Tornio“, sagte Ariane. „Er meinte, es wäre das Beste, wenn wir von dort aus nach Helsinki fliegen.“

„Hm.“

„Hm?“, hakte Ariane nach, schaffte es aber nicht, seinen brummenden Tonfall zu imitieren.

„So habe ich das nicht gesagt.“

„Egal ich …“

Ella schrie auf und deutete den Steg entlang. Am Ufer stürzte jemand mitsamt seinem Fahrrad um. Ein Scheppern war zu hören, als ein kleiner Fiat in ein Haus neben dem Anlegesteg krachte. Weiter hinten in der Bucht sah Ariane zwei Menschen, die eben noch am Strandufer mit einem Hund Spazieren gingen, einfach umkippen. Der Hund rannte, blieb plötzlich stehen, schnüffelte und fiel seitwärts zu Boden. Er rührte sich genauso wenig, wie die Menschen.

Ariane spürte, wie ihr das Blut in den Adern zu gefrieren schien. Entsetzt sah sie mit an, wie der Mann am Anlegesteg zusammenbrach. Aus dem Haus war ein Klappern und Poltern zu hören.

„Mein Gott, es ist hier!“, rief Ella.

Der Skipper hob die Brauen und legte den Kopf schief. „Hm?“

Eine Sekunde darauf schlug er hart auf dem Deck seiner Fähre auf.

Tot.

Ariane wusste, was als nächstes kam. Nur noch sie und Ella waren übrig. Mit einer Mischung aus Panik, Angst und der stillen Gewissheit, dass alles in den nächsten Augenblicken zu Ende sein würde, ergab sie sich ihrem Schicksal.

Ellas Kopf fuhr herum. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie Ariane an. „Was war das?“

Was war das, dachte Ariane.

Ella fiel. Wie in Zeitlupe.

Ihre Knie knickten weg. Sie sackte in sich zusammen, prallte auf die Planken neben dem Volvo. Sie war nicht sofort tot wie die anderen. Ihr Körper wand und verkrampfte sich in rasanten Zuckungen.

Dann nahm Ariane etwas am Rande ihres Bewusstseins wahr. Einen Reflex. Sie konnte ihn nicht genau zuordnen. War es ein Funke? Ein Geräusch? Ein Gefühl?

Was war das?, fragte sie sich und erinnerte sich an Ellas Worte und dem schlichten „Hm?“ des Skippers, ehe er zusammenklappte und starb.

Ein Schwindelgefühl kam über sie. Sie sah doppelt. Wankte. Streckte eine Hand aus und hielt sich an der Dachkante des Volvos fest.

Komm schon, bring es zu Ende.

Ein schwarzes Tuch wurde über Ariane geworfen. Die plötzliche Dunkelheit wirkte beklemmend und riss die Journalistin in einen tiefen Schlund. Sie merkte nicht, wie sie fiel.

Und fiel.

Tiefer.

Der Sturz dauerte scheinbar endlos. War haltlos. Schnürte ihr die Kehle zu. Ihr gellender Schrei klang wie ein Tosen in ihren Ohren. Die Lungen brannten. Ihre Zunge wurde trocken. Die Augen tränten.

Dann war da nichts mehr.

 

*

 

Sie hatte diesen Song im Ohr. Eine engelsgleiche Stimme, die zu Gitarrenklängen sang. Ein Ohrwurm. Sie konnte sich noch gut an das Konzert der Band erinnern, die ihre eigene Interpretation von Mocheebas Enjoy the ride zum Besten gab.

Colours and dreams, dachte sie und lächelte.

Wenn sie gekonnt hätte, hätte sie zum Takt der Musik, die in ihren Gedanken so lebendig spielte, als würden Sängerin und Gitarrist direkt neben ihr stehen, mitgewippt.

 

With the moonlight to guide you

Feel the joy to be alive

The day that you stop running

Is the day that you arrive

 

And the night that you got locked in

Was the time to decide

Stop chasing shadows

Just enjoy the ride

 

Ariane Hellenberg konnte nicht wippen. Soweit es sie betraf, war sie gerade gestorben. Noch während sie darüber nachdachte, welchen Zeitraum das Wort gerade umfasste, sinnierte sie darüber nach, ob sich der Tod richtig anfühlte. Es war finster. Kalt. Sie hatte Schmerzen.

Du bist tot.

Stop chasing shadows.

Aber sie dachte. Sie atmete. Wenn das der Tod war, schien er nichts zu gleichen, wovon man unter den Lebenden berichtete. Keine Höllenhitze. Kein lichtes Paradies. Keine ewige Dunkelheit.

Ein Husten riss sie aus den Überlegungen. Es war ihr eigenes. Sie schmeckte Erbrochenes, gemischt mit Blut. Ariane wurde übel. Gedanklich schüttelte sie den Kopf.

Das war nicht der Tod.

Das war das beschissenste Leben, das sie sich vorstellen konnte.

Sie schlug die Lider auf und wünschte sich sofort, sie hätte es nicht getan. Der eiskalte Blick des Skippers starrte sie direkt an. Seine Zunge hing aus den Mundwinkeln. Die Pupillen waren trüb. Etwas seitwärts von ihm, direkt neben dem Wagen auf der Fährladefläche lag Ella. Sie zuckte noch immer in Krämpfen. Ihr Körper bebte, bockte auf, schlug wieder auf den Boden. Der Kopf wand sich hin und her. Aus dem Mund spritzte unkontrolliert Speichel, und die weißblonden Haare waren klatschnass.

Ariane hob leicht den Kopf. Ihre Wange löste sich aus einer Pfütze Erbrochenem. Angewidert strich sie sich über die Haut und das Haar und stellte fest, dass es völlig verklebt war. Sie würgte. Spätestens jetzt akzeptierte sie, dass sie noch lebte.

Sie und Ella. Als Einzige. Ariane blickte zum Ufer hinüber. Sundom war tot. Die gesamte Gemeinde war innerhalb weniger Sekunden gestorben. Aber was bedeutete es, dass sie überlebt hatte? War sie immun gegen das Virus? War es überhaupt ein Virus?

 

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