Extrakt aus »Kalte Spuren«

Andreas Eschbach und Frank Schätzing werden es mir hoffentlich nicht krumm nehmen … 😉

Markus schlenderte
auf dem Weg zu seinem Quartier die Reling entlang und blieb vor dem Schott
draußen stehen. Die Nacht war noch immer sternklar, und der Mond stand am
westlichen Horizont. Es war kalt, sodass Markus sich den Kragen des Parkas bis
zum Hals zuzog und kurz erwog, die Kapuze überzustülpen. Eine Zeitlang stand er
da und starrte in die Nacht hinaus. Wenn er heile aus dieser Sache wieder
herauskam, könnte er ein Buch über seine Erlebnisse der letzten Tage schreiben.
Die Sache hatte nur einen Haken – er war nicht einmal in der Lage, seine
Klausuren richtig auszuformulieren. Vielleicht sollte er jemanden damit
beauftragen, der sich damit auskannte und ein Talent in Stil- und
Spannungsfragen hatte. Markus geisterten Namen wie Schätzing und Eschbach durch
den Kopf. Vielleicht sollte er es aber gleich internationaler angehen. Dann
konnte er möglicherweise auch gleich die Filmrechte verkaufen.

„Clancy“, murmelte
er vor sich hin. „Oder Michael Crichton.“

Schritte klangen
hinter ihm auf.

„Crichton ist
tot“, sagte Eileen Hannigan und stellte sich neben Markus an die Reling. Sie
sprach fast akzentfreies Deutsch. „Konntest du auch nicht schlafen?“

Markus hob die
Schultern. Er merkte, wie ihm die Röte ins Gesicht schoss und war dankbar
dafür, dass selbst das hellste Sternenlicht nicht seine Gesichtsfarbe
preisgeben konnte. Verdammt. Auf Eileen war er nicht vorbereitet gewesen. Wie
sollte er sich ihr gegenüber verhalten?

Wie ein dummer, verliebter Teenager, der sich gleich in die Hose macht,
weil er seiner Flamme gegenübersteht, die überhaupt nichts von ihrem Glück –
oder Pech – ahnt. Scheiße. Reiß dich zusammen, de Vries!

„Ich … hab’s noch
nicht versucht“, sagte Markus lahm.

Eileen blickte ihn
von der Seite her an. „Ich war vorhin etwas grob.“

„Vorhin?“

Sie seufzte. „An
Bord der La Lumière … vor dem Angriff.
Tut mir Leid. Ich hab deinen Blick falsch gedeutet.“

Markus atmete tief
durch. Seine Hände ballten sich in den Taschen des Parkas zu Fäusten. Wenn er
weiterhin den dummen Jungen abgab, würde sie ihn nie beachten. Er musste sich
schon anstrengen, wenn er bei ihr landen wollte. Der Whisky, den er intus hatte,
machte ihm etwas Mut. Markus drehte sich zu Eileen um.

„Hör mal … wenn es
hier oder an Bord der La Lumière
irgendjemand gibt, der mit dem ganzen Schlamassel am wenigsten zu tun hat, dann
bin ich das. Alles, was ich dir vor dem Angriff erzählt habe ist wahr. Gott ist
mein Zeuge!“

Eileen lachte
trocken auf und sah wieder hinaus auf das dunkle Meer. „Gott scheint im Moment
nicht hier zu sein, um irgendetwas zu bezeugen. Bei dem Kampf um die La Lumière war er wohl gerade
unabkömmlich.“

Markus verstand was
sie meinte. All die Toten. All die unnötigen
Toten. Die Jungs von der Navy und die beiden Piloten waren völlig unnütz in
einem Krieg gestorben, der gar nicht der ihre war. Bei der Kaperung der La Lumière ging es niemals darum, das
eigene Land zu verteidigen. Allenfalls darum, widersinnige Befehle auszuführen.

„Du hast mich
vorhin in der Messe wieder angestarrt“, sagte Eileen. „Hab ich irgendwas
verpasst und Ausschlag bekommen?“

Markus räusperte
sich. Der Whisky in seinem Blut gewann endlich die Oberhand. „Im Gegenteil. Was
erwartest du von mir, wenn ich meiner Traumfrau begegne?“

Jetzt war es raus.
Markus hielt Eileens skeptischem Blick genau zwei Sekunden stand. Als sie die
Stirn runzelte, sah er verstört weg und schluckte den Kloß herunter, der sich
urplötzlich in seinem Hals festgesetzt hatte.

„Traumfrau?“,
echote Eileen. Sie wechselte ins Englische und lachte dann.

Aus den
Augenwinkeln sah Markus, wie sie ihren Kopf schüttelte. Er brachte den Mut auf,
sie anzusehen. Ihre Blicke trafen sich, und Markus fühlte einen Stich im
Herzen. Er wusste in dem Moment, dass er verloren und niemals wirklich eine
Chance gehabt hatte.

„Sorry, aber du
bist nicht mein Typ“, sagte Eileen.

„Verstehe.“ Markus
sah sie an und wusste nicht, was er anderes sagen sollte.

Die Amerikanerin
deutete seinen Blick richtig und klopfte ihm aufmunternd auf die Schultern. „Du
solltest dich schlafen legen. Die Sache hier ist noch nicht vorbei.“

„Ich hab schon
befürchtet, dass irgendwann irgendjemand das sagen würde.“

Eileen nickte. „Es
fängt gerade erst einmal an. Gute Nacht.“

„Gute Nacht.“

Markus blieb
allein an der Reling zurück. Erst als die Schritte hinter ihm verklungen waren
und er das Schlagen des Schotts hörte, wandte er sich vom Anblick des Ozeans ab
und schickte sich an, seine Kabine aufzusuchen. Er war überrascht als er
Veronica vor der Tür stehend vorfand.

„Hi.“

„Seattle liegt auf
der anderen Seite des Kontinents“, sagte Veronica.

„Was?“

Schlaflos in Seattle. Der Film. Nie
gesehen?“

Markus schüttelte
den Kopf. „Für Schnulzen hab ich mich nie interessiert. Ich bin mehr ein Fan
von Lethal Weapon.“

„Macho-Gehabe.“
Veronica sah ihn an. „Läuft da was zwischen dir und der Kleinen?"

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