Das alles … und noch viel mehr …


… würd ich machen, wenn ich König von Deutschland wär.

Rio Reisers Song wird wahr, und zwar in Andreas Eschbachs neuem Roman "Ein König für Deutschland".

Der neue Eschbach ist da, könnte man sagen. Und wahrlich, der Roman ist wirklich neu, allein schon von seiner Machart.

Entgegen seiner bisherigen Knaller wie "Jesus Video", "Eine Billion Dollar" und auch "Ausgebrannt", wagt sich Eschbach diesmal auf ein Genre, das ich so bisher nur in Filmen kannte: Dem Doku-Roman. Dokumentarische Belletristik ist hier treffend, denn neben der eigentlichen spielenden Handlung folgen in "Ein König für Deutschland" lange Versatzstücke, die sich ausgiebig mit dem amerikanischem und deutschem Wahlsystem, dem Grundgesetz, der Geschichte und Computern befassen. Damit der Laie nicht dumm da steht und zumindest ansatzweise versteht, über was dort gesprochen wird, ist das Buch von Fußnoten nur so durchsetzt, wie man es bisher nur von Fachbüchern kennt.

Eschbach gesteht in seinem Nachwort, dass dieser Roman ein Appell gegen Wahlcomputer ist. Der Roman selbst erschien pünktlich kurz vor der letzten Bundestagswahl, hätte damit also gut als Warnung gepasst, wenn er sich am Ende nicht zu sehr wie an den Haaren herbeigezogen lesen würde und der eigentliche Clou nicht unter den Teppich gekehrt werden würde.

Der Roman beginnt in den USA vor den umstrittenden US-Wahlen im Jahr 2000, die George W. Bush zum Präsidenten machten. Er lässt die Leser die rätselhaften und stellenweise lächerlichen Ereignisse der Wahlnacht, der Stimmauswertung und der Widersprüche erleben. Allerdings schiebt Eschbach die manipulierten amerikanischen Wahlen auf gezielt umprogrammierte Wahlcomputer, die letztendlich das ausschlaggebende Ergebnis für George Bush und gegen Al Gore einbrachten. Nicht zuletzt (und nicht nur dort) seit Michael Moore Dokumentation Fahrenheit 9/11 dürfte bekannt sein, dass Wahlcomputer hier überhaupt nicht im Spiel waren, sondern die Niederlage Gores durch die Wahl in Florida durch entmündigte Wähler der afroamerikanischen Population herrührte. Man hat berechtigte Wähler dort einfach nicht zur Wahl zugelassen, und die Einsprüche der Abgeordneten des Repräsentantenhauses (dessen Vorsitz Al Gore zu der Zeit inne hatte) nicht zugelassen, da sie nach amerikanischem Recht von einem Senator abgezeichnet werden müssen, wozu sich aber niemand der Herren und Damen Senatoren bemüßigt fühlte.

Der junge Programmierer und Hacker in Eschbachs Roman, der das manipulierte Programm für die Wahlcomputer schrieb, heißt Vincent Wayne Merritt und ist uneheliches Kind eines verheirateten Deutschen und einer unbeständigen Amerikanerin mit häufig wechselnden Männerbekanntschaften. Vincents Vater Simon König ist Lehrer in Deutschland und lebt von seiner Ehefrau Helene seit über zwanzig Jahren getrennt, da sie von dem unehelichen Sohn in den Staaten erfahren hat.

Dem Zauberkünstler Bentio Zantini gelingt es über die Chefin Vincents einen Zusammenhang der Wahlmanipulation von 2000 und Vincent zu ziehen. Er zwingt Vincent zur Zusammenarbeit, neue Routinen für Wahlcomputer zu schreiben, um dieses an die meistbietende Partei zu verkaufen.

In seiner Verzweiflung kopiert Vincent alle Dateien auf eine CD, löscht seine Festplatten und schickt diese CD seinem Vater Simon in Deutschland. Doch dieser wird rasch von Zantini übertölpelt, sodass Simon mit leeren Händen dasteht. Da nimmt die geheimnisvolle Sirona, die Simons Sohn Vincent über Internet-Chats kennt, Kontakt zu ihm auf und führt ihn an Alex und Root heran, die sich nicht nur mit Computern auskennen, sondern auch Alternate Reality Games inszenieren. Zu viert hecken sie einen Plan aus, Zantini bei der Manipulation in die Quere zu kommen: Sie gründen eine Partei und haben keine bessere Idee als sich die Wiedereinführung der Monarchie in Deutschland auf die Fahne zu schreiben, mit Simon König als König Simon I.

Was sich interessant und mit dem gewissen "Ich will wissen, wie es weiter geht"-Sog liest, ist es auch bis zu einem gewissen Zeitpunkt. Trotz der Fußnoten und seitenweisen Erklärungen der Wahlsysteme ist Eschbach auch mit "Ein König für Deutschland" ein unterhaltsamer Roman gelungen.

Allerdings vermittelt er gegen Ende des Romans dem Leser das Gefühl, gegen eine Wand geschrieben zu haben und nicht mehr weiter zu wissen, denn die "Auflösung" des Romans ist so platt, dass man nur noch die Augen verdrehen kann, bis das Weiße zu sehen ist. Da helfen auch vage Andeutungen über das Mädchen Sirona nicht, ebenso wenig wie der eingangs erwähnte Clou mit dem Zantini die Bundestagswahl 2009 manipuliert hat – denn hier verwehrt sich Eschbach einer Auflösung und lässt das "wie hat Zantini das angestellt" einfach im Raum stehen – wohl, weil Eschbach selbst keinen Plan hatte, wie er sich diese Auflösung jetzt noch halbwegs logisch zurecht legen sollte.

Sprachlich hinkt "Ein König für Deutschland" stellenweise den Vorgängerromanen um einiges Hinterher. Die Umgangssprache dominiert, sowohl in der beschreibenden Handlung als auch in dem dokumentarischen Teil.. Eigenwillige Satzkonstruktionen führen dazu, dass man Sätze mehrmals lesen muss, ehe man kapiert, was einem da vermittelt werden soll.

Fast hat man beim Lesen das Gefühl, dass Andreas Eschbach die Idee zum Roman mit dem Erhalt der Wahlbenachrichtigung hatte und diesen dann schnell runterschrieb, um ihn noch pünktlich vor der Wahl veröffentlichen zu können. Schade, dass sich hier ein Lektorat nicht getraut hat, einige Schnitzer auszumerzen, um einige Stellen der Handlung lesbarer zu machen.

Fazit: Aus einer guten Idee, die anfangs interessant umgesetzt ist, wird ein Roman, der sich zumindest bis zur Bundestagswahl gut liest, dann jedoch mit einem derart unmöglichen Ende aufwartet, das man nur noch ein enttäuschtes "Toll, das war es jetzt" denken kann. Eschbach kann es besser. Von seinen eingangs erwähnten drei Highlights ist der König von Deutschland weit, weit entfernt.

 


"Ein König für Deutschland" ist übrigens der erste Roman, den ich auf dem Cybook Opus Ebook Reader gelesen habe. 484 Seiten ist der Roman dort stark, ich hatte ein entspanntes, angenehmes Lesegefühl, keinen lahmen Arm, eine Hand immer frei, der Akku steht nach 484 Seitenumschlägen und mindestens 10 x ein und wieder ausschalten noch immer bei 100%, ich hatte eine leichte Arbeitstasche und keine Eselsohren.

Herzlichen Dank an den Lübbe Verlag, dass er dieses Ebook (das im ePub-Format ohne Titelbild daher kommt und keine Silbentrennung aufweist) für exakt den gleichen Preis anbietet, wie die Hardcover-Version.

Wir erinnern uns an die Preisvorteile von Ebooks: Keine Druckkosten, keine Bindungskosten, keine Transportkosten, keine Lagerkosten – und da man sich das Titelbild einspart, kann man das Honorar für den Künstler auch gleich einsparen. Wertverlust gibt es dadurch, dass man das Ebook weder verschenken, verleihen oder anschließend wieder verkaufen kann. Somit ist der Preis als Wucher und Halsabschneiderei anzusehen. Danke, Herr Lübbe, danke!


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