Nehmen wir einmal an, ich plane einen Politthriller zu schreiben, der auf Umstände hinweist, die nicht nur für einen Staat innerhalb Europas, sondern vielleicht für fünf oder sechs gelten. Da ich aber nicht auf ein bestimmtes Land mit dem Finger zeigen möchte, verwende ich in dem Thriller ausschließlich als gemeinten Staat „Europa“ und alle Menschen, die darin leben sind schlicht Europäer.
Würde Ihnen das gefallen? Sicherlich nicht.
Aus dem Dilemma gibt es vielleicht drei Auswege.
1. Ich lasse die Finger davon
2. Ich entschließe mich, doch auf einen Staat mit dem Finger zu zeigen
3. Ich erfinde einen Staat
Der amerikanische Thriller-Autor Kyle Mills hat keinen dieser drei Auswege beschritten, als er den Roman »Blutige Erde« schrieb, sondern sich stur an ein Land namens Afrika mit Afrikanern als Einwohnern gehalten, und das obwohl Staaten wie Somalia und der Sudan innerhalb des Romans Erwähnung finden. Dass dann noch David Morrell, der Erfinder von John Rambo, Mills Roman als „brillant recherchiert“ würdigt, zeugt mitunter vom U.S.-amerikanischen Verständnis für den Rest der Welt.
Trotz dieser Unzulänglichkeiten ist Mills ein unterhaltsamer Roman gelungen, der also in einem Schurkenstaat namens Afrika spielt. Der durchaus intelligente Josh Hagarty hat ein Problem: Obwohl er Bestnoten an der Uni bringt, findet er keinen Job. Das liegt an seiner Vorstrafe, die es ihm kaum möglich macht, etwas Besseres als eine Aushilfsarbeit an einer Tankstelle anzunehmen. Zugleich muss er sich mit Problemen innerhalb der Familie herumschlagen: Seine Mutter ist Alkoholikerin, die Schwester kurz davor aufs College zu gehen, obwohl dafür das Geld nicht reicht und zu allem Überfluss gibt es da noch die entfernte Verwandte Fawn, die sich ausgerechnet mit einem Vergewaltiger bei Mom Hagarty einquartiert und es auf deren Ersparnisse und das Grundstück auf dem ihr Wohnwagen steht, abgesehen hat.
Als Josh von der Hilfsorganisation NewAfrica ein Jobangebot bekommt, sieht er erstmals einen Ausweg aus der Misere. Mit dem Versprechen gutes Geld zu verdienen, sich keine Sorgen, um das Studium seiner Schwester machen zu müssen, fliegt er nach „Afrika“ und soll dort ein Landwirtschaftsprojekt zum Laufen bringen.
Kaum angekommen, muss er feststellen, dass der Job alles andere als ein Zuckerschlecken ist, denn es stehen ihm kaum Hilfsmittel und Knowhow zur Verfügung. Darüber hinaus scheint der Sicherheitschef des Camps sein eigenes Süppchen zu kochen, und spätestens als Josh erfährt, dass sein Vorgänger zerstückelt im Wald aufgefunden wurde, weiß er, dass es die schlechteste Idee war, nach „Afrika“ zu kommen.
Zusammen mit der Schwedin Annika und dem Reporter Flannary deckt Josh Hagarty die korrupten Machenschaften der „afrikanischen“ Regierung auf und erfährt, dass die Hilfsorganisation nur als Deckmantel für Verbrechen ungeheuerlichen Ausmaßes ist.
»Blutige Erde« lässt sich flüssig und unterhaltsam lesen, wartet trotz der Vorhersehbarkeit der Ereignisse mit einigen schockierenden Elementen auf, ist in seiner Gesamtheit jedoch deutlich schlechter als »Global Warning«

