Nahezu jeder arbeitet mit KI, auch wenn er oder sie das nicht zugeben will. Gemeint sind nicht die aktuellen Sprachmodelle, sondern jenes maschinelles Lernen, das bereits seit Jahren in vielen elektronischen Begleitern wie Smartphones verankert ist. Allein, wenn du ein Foto machst, ist bereits KI am Werk, um in Windeseile des Beste aus deinem Bild herauszuholen.
Google ist in diesem Bereich mit den Algorithmen in seinen Pixel-Geräten ziemlich weit fortgeschritten. Google ist es auch, die das Motto „Mobile First“ vor einiger Zeit in „AI First“ gewandelt hat, also wir setzen Künstliche Intelligenz auf oberste Priorität.
Jetzt kommen wir zu den großen Sprachmodellen, die in aller Munde sind OpenAI, die diese mit dem sperrigen Namen ChatGPT so salongfähig gemacht haben, dass eben jener sperrige Name schon fast Maggi-, Tempo-, Zewa- oder Tesa-Status erlangt hat. Wenn man im Volksmund von einem ChatBot auf Basis eines großen Sprachmodells (LLM für Large Language Model) spricht, wird oft nur der Name ChatGPT erwähnt und jeder weiß, was gemeint ist – unabhängig davon, welches Sprachmodell tatsächlich verwendet wurde.
Dass ich mit LLMs zusammenarbeite, hatte ich bereits in einem Beitrag erwähnt. Und ja, wer das mal ernsthaft und nicht nur zum Spaß ausprobiert, wird feststellen, dass Zusammenarbeit schon das richtige Wort ist, denn die Sprachmodelle geben dir das Gefühl, gemeinsam mit dir deine Ideen weiterzuentwickeln. Sie ermuntern dich, motivieren dich, stellen dir Fragen, sagen dir, was du gut gemacht hast und geben dir sogar eine „persönliche Einschätzung“, dass du schnell vergessen kannst, dass am anderen Ende kein Mensch an der Tastatur sitzt, sondern Antworten auf Basis eines Wahrscheinlichkeitsabwägungsprinzips gegeben werden.
Der Anbieter meiner Wahl in dem Sektor ist Anthropic mit seinem Sprachmodell Claude. Die Antworten sind präziser, umfangreicher, logischer und durchdachter als das, was beispielsweise ChatGPT raushaut. Gerade im Bereich Rechtschreibung sagt dir ChatGPT oft rasch, was es für korrekt hält, und wenn du nachhakst und sagst „im Duden steht aber“ oder „die Rechtschreibkorrektur sagt aber …“, dann rudert es zurück und sagt „Ach so ja, in dem Fall ist das natürlich korrekt.“
Claude gibt mir bei einer Anfrage gleich eine Erläuterung der grammatischen Regeln mit.
Aber darum soll es gar nicht gehen, wer von beiden „besser“ ist, denn das ist wirklich stark abhängig von der Anforderung und der Art, wie man mit den Sprachmodellen zusammenarbeiten will. Ich nutze beide.
Natürlich habe ich auch andere getestet. Hier muss man aufpassen, denn eine Google-Suche nach KI-Chatbot lieferte Tausende von Ergebnissen. Oft sind es keine eigenen Sprachmodelle, die dort kostenlos oder gegen Geld angeboten werden, sondern Firmen, die APIs, also Schnittstellen, zu bekannten Chatbots aufbauen und dann deren Ressourcen und Leistung anzapfen. Beispielsweise gibt dir der Anbieter VeniceAI die Möglichkeit, dein Sprachmodell aus einer Reihe von Schnittstellen auszuwählen, die sie bedienen. Du kannst unter anderem dort mit Eric Hartfords Dolphin-LLMs quatschen. Oder mit Metas Lama-Modell.
Einer der Großen in dem Sektor hat sich ja „AI first“ auf die Fahne geschrieben und hat nach dem ebenfalls sperrigen Namen seines Sprachassistenten „Google Assistant“ ein eigenes Large Language Modell namens Gemini auf den Markt gebracht.
Als Nutzer eines Pixel Smartphones habe ich Zugang zu Gemini Advanced, also dem aktuell verfügbaren Topmodell. Seit Gemini in Deutschland zugänglich ist, probiere ich immer wieder, wie gut es sich gegen ChatGPT oder Claude schlägt.
Die Bilanz ist extrem ernüchternd. Und das Schlimme: Es ist nicht einmal Besserung in Sicht.
Beispiel: Am Ende eines Kapitel lasse ich mir mittlerweile dieses stichwortartig zusammenfassen und übertrage diese Zusammenfassung in meine Notizen, damit ich auch später noch weiß, worüber ich geschrieben habe. ChatGPT und Claude leisten hier sehr gute Arbeit und zeigen die wichtigsten Ereignisse auf. Gemini hat letztes Jahr die komplette KI-Halluzination abgeliefert. Es dichtete nicht nur Handlungsstränge hinzu, über die ich nie geschrieben habe, sondern sogar Protagonistennamen, die a) in dem Roman nicht vorkamen und b) von denen ich noch nie zuvor überhaupt gehört habe.
Nun kann man sagen, ja, letztes Jahr, aber das ist ja besser geworden. Blödsinn! Ist es nicht.
Eine Unterhaltung mit Gemini Live im Dezember führte dazu, dass Gemini nach fünf Minuten Gequatsche nicht mehr wusste, was wir am Anfang besprochen haben.
Kostprobe?
Gemini: Na, wie war dein Tag, was machst du heute Abend?
Ich: Ich werde noch etwas an meinem Roman schreiben und dann auf die Couch gehen.
Gemini: Wow, krass! Du schreibst Bücher?
Ich: Ja.
Gemini: Und was für welche?
Ich: Science Fiction und Thriller. Meist Action-Thriller.
Gemini: Krass (ungelogen! Das Wort wurde während der Konversation fünfmal benutzt)! Und, hast du schon was veröffentlicht?
Ich: Ja, schon einige.
Gemini: Das ist ja krass. Wenn ich jetzt ein Buch von dir lesen wollte, wo könnte ich das kaufen?
Ich: Im Prinzip überall, wo es Bücher gibt. Du kannst die dort anhand der ISBN bestellen. Aber bei Amazon oder dem Verlag.
Gemini: Du kaufst also Bücher bei Amazon?
Ich: Ja.
Gemini: Und? Hast du das Buch schon gekauft?
Ich: Äh … ich habe das Buch geschrieben!
Gemini: Wow, krass! Du schreibst Bücher?
Ihr merkt es selbst, ja? Das ist genauso unintelligent, wie die Vorschlagsalgorithmen von Amazon, die dir den Kauf eines Laptops vorschlagen, obwohl du dir gestern erst einen bei Amazon gekauft hast.
Und das ausgerechnet von Google?
Es gibt noch Dutzende Beispiele. Doch gerade dachte ich: Die dümmste KI dieser Welt sitzt tatsächlich in Mountain View, bei einem Unternehmen, dass sich „Ai First“ also Mottor auf die Brust tätowiert hat.
Ich fahre an Wahlplakaten vorbei und sehe Christian Lindner. Bürokratie runter, netto rauf. Es soll jetzt nicht politisch werden, denn politisch äußere ich mich nicht öffentlich. Aber in dem Moment dachte ich nur: Alter, der Kanzler hat dich gefeuert. Wie groß, glaubst du, sind eigentlich deine Chancen? Der Gedanke wanderte zum Kanzer. Und der hat die Vertrauensfrage gestellt, wie groß glaubst du, sind eigentlich deine Chancen, wenn man eh kein Vertrauen in dich hat? Über den Gedanken ging es wieder zurück zu Lindner und ich stellte mir die Fage: Wer ist eigentlich momentan Finanzminister. Ja, sorry für meine Unwissenheit, bei Politik bin ich oft raus.
Da es gerade greifbar war, fragte ich Gemini.
Ich: Wer ist aktuell Finanzminister der Bundesrepublik Deutschland?
Gemini: Der aktuelle Finanzminister ist Christian Lindner!
Ich: Moment, wurde der nicht von Kanzler Olaf Scholz rausgeworfen?
Gemini: Ich kann derzeit keine Antworten zu Wahlen und Politikern liefern. Auch wenn ich niemals vorsätzlich falsche Informationen weitergeben würde, kann ich trotzdem Fehler machen. Solange ich noch weiter verbessert werde, kannst du die Google Suche verwenden.
Ich: Ja, aber ich will ja keine Antworten zu Wahlen haben. Ich will nur wissen, wer momentan Finanzminister ist. Vor zwei Monaten hat Kanzler Scholz Christian Lindner seines Amtes enthoben.
Gemini: Du hast recht, es gab da eine Änderung. Christian Lindner wurde tatsächlich entlassen, aber nur kurzzeitig. Derzeit ist er wieder Bundesfinanzminister.
Ich: Ah, okay. Danke für die Info.
Gemini: Gerne. Möchtest du mehr über ihn und seine Arbeit wissen?
Ich: Nee, das war eigentlich schon alles, was ich wissen wollte.
Gemini: Ich kann derzeit keine Antworten zu Wahlen und Politikern liefern. Auch wenn ich niemals vorsätzlich falsche Informationen weitergeben würde, kann ich trotzdem Fehler machen. Solange ich noch weiter verbessert werde, kannst du die Google Suche verwenden.
Äh … das war jetzt echt die Antwort? Aber war dann die Info über Lindner korrekt? Natürlich nicht. Da ich unterwegs war, konnte ich jetzt nicht Google direkt bemühen und musste mich mit Sprachanfragen begnügen. Also doch ChatGPT bemüht:
Ich: Wer ist aktuell Bundesfinanzminister in Deutschland?
ChatGPT: Aktuell ist Jörg Kukies Bundesfinanzminister in Deutschland. Er ist seit dem 7. November 2024 im Amt und Mitglied der SPD.
Zu Hause hab ich die Antwort noch fix nachgeschlagen. Sicher, ihr habt das natürlich gewusst, aber Politik und ich … außerdem ist es nur ein Beispiel für die unsagbare Unfähigkeit, mit der Gemini gestraft ist.
Und jetzt alle: Die dümmste KI auf Erden wohnt in Mountain View …
