10 Jahre Evernote und dann die Katastrophe

Evernote war für mich schlicht DAS Notizprogramm! Seit zehn Jahren bin ich nicht nur Nutzer, sondern auch zahlender Kunde. Immerhin kostet das Jahres-Abo gut 60 Euro und bietet Power-Nutzern wie mir einige Vorteile.

Im Laufe der letzten 10 Jahre haben sich 6.190 Notizen ergeben. Ich nutze Evernote quasi für alles, das in irgendeiner Form festgehalten werden muss.

Private Notizen, Erinnerungen, Geschäftliches, aber auch meine komplette Romanplanung erfolgt in Evernote.

Dank dem Webclipper ist es unheimlich einfach, Webseiten als Artikel in Evernote zu importieren. Etwas Interessantes gefunden, schwupps, ab ins Evernote. Eine Mail mit einer Rechnungen bekommen, zack ab ins Evernote.

Etwas unkomfortabel war die Sache, dass ich Multi-OS-Nutzer bin. Evernote funktioniert Plattform-übergreifend, das war mir wichtig. Aber dennoch frage ich mich oft, was sich die Entwickler nur denken, wenn sie Programme für verschiedene, aber dennoch ähnliche Plattformen entwickeln.

So unterschied sich die Desktop-App von MacOS von der für Windows. Die mobile App von iOS von der für Android. Über Evernote Touch für Windows 10 brauchen wir nicht zu reden, das war ein Griff ins Klo.

Zehn Jahre dennoch zufriedener Nutzer. Gerade wenn ich an einem Roman arbeite und mehrere Notizen parallel im Auge behalten will, um nicht jedesmal zwischen den Notizen zu wechseln, war Evernote immer hervorragend. Ich hab meine Bildschirme mit Notizen zugekleistert, wie andere Leute Post-its verwenden würden. Und dann am Laptop geschrieben.

So mache ich das heute noch.

Doch dann kam der Bruch. Im November 2020 wurde ich auf Evernote 10 aufmerksam. Obwohl die Windows-Version irgendwo bei 6.nochwas und die MacOS-Version bei 7.nochwas stand. Oha, also ein ganz neuer Release, ein Redesign.

Da Evernote in der Vergangenheit etwas schwächelte und sich Konkurrenzdruck ausgesetzt sah, befürchteten schon einige böse Zungen, dass es bergab geht und man dringend etwas Neues auf den Weg bringen müsse.

Wäre ich nicht über den Artikel gestoßen, wüsste ich vermutlich heute noch nicht, dass Evernote 10 draußen war, denn es gab kein Update auf die neue Version, sie musste von Grund auf neu installiert werden und über die Webseite oder den AppStore bezogen werden.

Das Redesign versprach: Ein Evernote für alle Plattformen. Es sollte unter Android genauso aussehen wie unter iOS wie unter Windows wie unter MacOS. Na, da lässt man sich doch nicht zweimal bitten und installiert es flugs.

War’n Fehler. Tut es nicht.

Viele Funktionen, die über die Jahre hinweg Evernote groß und beständig gemacht haben, fehlten plötzlich.

  • Tabs? Nein, gibt es nicht mehr.
  • Teilen per E-Mail-Anhang? Wofür. Braucht niemand.
  • Einfügen von Bildern direkt aus Webseiten oder anderen Applikationen wie Photoshop per Drag & Drop? Will doch keiner.
  • Kopieren von Notizen in andere Notizbücher. Ja klar, aber willst du deine Bilder wirklich mitkopieren?
  • Voreinstellungen des Programm? Nein, nein, wir stellen das Programm für dich ein, du brauchst absolut kein Einstellungsmenü.
  • Vordefinition der Schriftart und -größe? Warum? Du hast gefälligst in Serif und Schriftgröße 11 zu schreiben, alles andere will doch niemand.
  • Lokale Datenbank für einen schnellen Programmstart und Wechseln zwischen den Notizen? Nein, nein, heute ist doch alles in der Cloud, mach dir darüber keine Sorgen.
  • Eine WebApp als Desktop-App verkaufen? Nee, auf die Idee kommen wir doch nicht, natürlich ist Evernote eine handfeste Desktop-App … NICHT!
  • Bildschirm- oder Bereich ausschneiden und in Notizen einfügen (Screenshot-Funktion). Klar haben wir! Wie, funktioniert bei dir nicht? Ach Gottchen.
  • Stabilität – wie meinst du das, dass Evernote plötzlich nur noch leere Notizen anzeigt, wenn du es länger gebrauchst und dann erst neu starten muss?
  • Stabilität – wie meinst du das, dass du Evernote grundsätzlich zweimal starten muss, damit es überhaupt läuft?

Und so weiter und so fort. Eine grand Katastrophe. Workflow adé. Usability au repertoire. Langzeitgedächtnis verabschiede dich. Der Elefant hat es vermasselt. Richtig und gründlich vermasselt.

Von November bis Dezember flatterten dann regelmäßig Updates rein. Immerhin ist Evernote jetzt bei der Version 10.5.7 angelangt. In zwei Monaten von 10.0 – Wahnsinn. Eine Riesenbaustelle.

Verbesserungen? Nein. Nicht spürbar. Statt die Fehler zu beheben, werden Features eingearbeitet, die dann am Ende nicht funktionieren. Evernote auf Twitter war mir keine Hilfe. Auf meinen Feedback Report aus der App, in der ich alle Unzulänglichkeiten aufzählte, habe ich bis heute keine Antwort bekommen.

Im Dezember stand die Abo-Verlängerung an. Ich hatte Hoffnung. Ich dachte mir, gib ihnen etwas mehr Zeit. Die kriegen das schon hin. Ich zahlte. Für ein weiteres Jahr.

War’n Fehler.

Auch mit 10.5.7 sehe ich keine Verbesserungen der oben aufgeführten Dinge. Ich bearbeite für meine Romanplanung beispielsweise mit Charakterfotos und habe dafür in Photoshop ein Template erstellt, damit ich nicht wahllos Fotos unterschiedlicher Größe in meine Notizen ballere, sondern das Ganze etwas ordentlicher und einheitlicher aussieht.

Vorher kein Problem. Habe ich ein Foto ins Template gebracht, brauchte ich es nur per Drag & Drop von Photoshop direkt in Evernote reinzuziehen. Klappt nicht mehr. Ich muss die Ebene erst markieren, kopieren und kann es dann in Evernote einfügen.

Ich habe gerne Notizen als Anhang geteilt, ohne jemand anderem aufzwingen zu müssen, dass er Evernote-Nutzer werden soll. Also Notiz teilen … als Mail versenden.

Nein, das geht nicht mehr. Du kannst nur noch Weblinks zu deinen Notizen erzeugen und ein Dritter hat sich das gefälligst in diesem Internet anzusehen.

Und kein Witz: Evernote besitzt kein Einstellungsmenü. Du kannst gar nichts mehr machen. Keine Synchronisation einstellen, kein Evernote mit System starten, keine Schriftart festlegen, keine Standardgröße, nichts, absolut nichts. Wenn du von der Norm abweichen möchtest, die man dir vorgibt, dann musst du das in der Notiz selbst tun. In jeder einzelnen verkackten Notiz.

Am Wochenende ist mir der Geduldsfaden gerissen.

Auf Bildschirm 1 sind drei Evernote-Notizen gekleistert: Charaktere, Kapitel, Lageplan der Handlung.

Auf Bildschirm 2 habe ich zwei weitere Notizen geöffnet, daneben das Hauptfenster. Ich muss abseits des Romanschreibens mal eben was in einem anderen Bereich von Evernote nachschlagen, denn es ist ja meine Hauptablage mit über 6.000 Notizen.

Was? Alles leer? Egal welches Notizbuch, welche Notiz in anklicke, der Inhalt wird mir nicht angezeigt. Ich muss Evernote beenden, damit natürlich auch mein hübsches Drapieren der Fenster auf dem Bildschirm.

Ich starte Evernote neu und muss mich plötzlich anmelden. Wiewaswieso?

Nach der Anmeldung passiert nichts, bis ich ein Force Quit machen muss. Zweiter Neustart. Endlich wird alles wieder angezeigt und ich stehe am Rand er Verzweiflung, hat mich das Ganze doch ein paar wertvolle Minuten gekostet. Immer wieder, jeden Tag aufs Neue.

Ich schaue nach Alternativen. Zu Notion habe ich bereits alle Notizen migriert, aber das sagt mir vom Aufbau überhaupt nicht zu.

Ich spekuliere auf OneNote und schaue mir das an. Und je mehr ich mich darin vertiefe, desto besser gefällt mir OneNote. Hier ein paar Abstriche, dort ein paar.

Ich will alle Notizen rüberbeamen. Dafür gibt es von Microsoft ein Migrationsprogramm für das ich allerdings die lokale Datenbank von Evernote auf der Festplatte brauche, doch halt – die hat Evernote ja in die Cloud verlagert. Von wegen vollständige Desktop-App. Einen Schmarrn erzählen sie dir, nur um dich zu beruhigen.

Die wichtigsten Projektnotizen in OneNote manuell eingegeben

Ich deinstalliere Evernote 10 auf meinem Mac und dem Windows Laptop und installiere eine Legacy Version, wohl wissend, dass die nie wieder ein Update bekommen wird. Keine Features, keine Bugfixes, keine Sicherheitsupdates.

Innerhalb einer halben Stunde hat OneNote alle Notizen migriert, aber jedes Notizbuch als Einzelnotizbuch, das ich erst öffnen muss. Leider hat man bei OneNote nicht die Notizbücher so im Blick wie bei Evernote, man muss zwischen ihnen wechseln. Dafür gibt es in OneNote Abhilfe, indem man Abschnitte zu einem übergeordneten bündelt, doch das hilft mir jetzt nicht mit 600 Notizbüchern weiter – zumal OneNote Bücher mit mehr als 100 Notizen in Pages aufteilt.

Der Import ist somit für mich gescheitert. Daher entschließe ich mich, „from the scratch“ neu zu starten.

Ich lasse die alte Legacy Version installiert und greife bei Bedarf auf die Notizen zurück – und alle neuen Notizen beginne ich direkt in OneNote.

Leider gibt es einige bereichsübergreifende Notizbücher. Beispielsweise greife ich auf die Notizbücher von Vigilante 1 – 3 zu, wenn ich in 4 arbeite. Und ich brauche hin und wieder Notizen aus den Hannigan-Romanen, ebenfalls für die neue SWORD-Reihe, weil alles doch irgendwie zusammengehört.

Die mobile App für iOS und Android von Evernote lasse ich jetzt installiert und schaue mal, wie sich das Trauerspiel weiterentwickelt und ob ich wirklich bei OneNote bleibe.

Einen entscheidenden Vorteil hat OneNote gegenüber Evernote noch: Man kann dort mit dem Stylus Notizen und Zeichnungen verfassen. Geht in Evernote auch, aber nur technisch, nicht schön.

Da könnte ich eigentlich auf eine separate Notizapp wie GoodNotes oder das von mir frisch entdeckte Notability verzichten und direkt meine handschriftlichen Notizen und Zeichnungen in OneNote anfertigen – nein. Ich habe mich in Notability frisch verliebt – und die Möglichkeit über PDF-Vorlagen alles mögliche dort zu importieren und zu planen ist in der Form in OneNote nicht gegeben.

Einen Jahresplaner als hypergelinktes PDF, frei beschreibbar? Ein Traum!

Wer von euch Evernote nutzt – tut euch selbst einen Gefallen, updated nicht auf Version 10. Falls ihr mir nicht glaubt oder meint, ich stelle mir nur an, googlet einfach nach Evernote 10. Selbst bei Heise.de wird über den Unmut der Nutzer berichtet.

Ciao, lieber Elefant. Wir sind 10 Jahre lang den gleichen Weg gegangen, aber jetzt wird es wohl Zeit, sich zu trennen oder nur noch ab und zu zu sehen.

Ein Gedanke zu “10 Jahre Evernote und dann die Katastrophe

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